Ab Mai wird Herr Dr. Peter Rohrbacher am Institut forschen.
Das 1929 von den beiden Steyler Missionaren Wilhelm Koppers und Wilhelm Schmidt gegründete Institut für Völkerkunde (heute Institut für Kultur- und Sozialanthropologie) an der Universität Wien entwickelte sich in der Nachkriegszeit zur größten und wichtigsten Einrichtung für Völkerkunde/Ethnologie im deutschsprachigen Raum. Ziel dieses Forschungsprojektes ist es, die österreichische „Völkerkunde“ mit ihren zahlreichen interdisziplinären Verbindungen und internationalen Netzwerken im Zeitraum von 1945 bis 1965 erstmals systematisch zu untersuchen.
Das Forschungsprojekt umfasst drei Arbeitspakete, denen insgesamt neun Forschungsthemen zugeordnet sind. Die Fragestellungen und Hypothesen umfassen den Wandel zentraler Netzwerke, die Hauptakteure und ihre nachhaltigen Leistungen sowie ideengeschichtliche Markierungen. Das erste Arbeitspaket beschäftigt sich mit der „Altlast“ der NS-Vergangenheit, aber auch mit katholischen Netzwerken und wegweisenden Lehrstuhlbesetzungen am Institut für Völkerkunde in Wien. Das zweite Arbeitspaket ist den internationalen Netzwerken gewidmet. Hier wird die herausragende Bedeutung von Konferenzen und Forschungsförderungsinstitutionen (z.B. UNESCO, Wenner-Gren-Stiftung) für die österreichische Soziokulturanthropologie hervorgehoben und untersucht. Das dritte Arbeitspaket schließlich befasst sich mit interdisziplinären Kooperationen (z.B. Prähistorische Archäologie, Japanologie, Anthropos-Institute in
Asien), der Erneuerung des ethnographischen Films und biographischen Beispielen von Wissenschaftler:innen aus Österreich, die auf diesem Gebiet international Karriere gemacht haben.
Theoretisch steht das Projekt in der Tradition des US-amerikanischen Anthropologie-Historikers George W. Stocking, der explizit die biographische, institutionelle und historische Kontextualisierung gegenüber präsentistischen Ansätzen bevorzugt. Erkenntnistheoretisch und methodisch wird eine Quellenanalyse verfolgt, die die Ansätze der historischen Anthropologie mit denen der Zeitgeschichte für die anthropologische Geschichtsschreibung verbindet. Archivrecherchen werden in Österreich, Italien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien und in den USA durchgeführt. Darüber hinaus werden sekundäre Zeitzeugen mit Hilfe von Standardinterviews befragt.
Die wissenschaftliche Korrespondenz, die in einem Privatarchiv in Rom aufbewahrt wird, kann auf über zwanzigtausend Folien geschätzt werden. Auf der Grundlage dieser Archivquellen können in Verbindung mit anderen privaten und staatlichen Archiven völlig neue Fragestellungen entwickelt werden. Die hohe Dichte der Korrespondenz wird es ermöglichen, nicht nur eine diachrone Geschichte des Wiener Instituts im engeren Sinn zu schreiben, sondern auch synchrone Studien zu internationalen Netzwerken und interdisziplinären Verbindungen durchzuführen, die ein völlig neues Bild der „Völkerkunde“ in Österreich in der Nachkriegszeit bis in die 1960er Jahre liefern werden.