In einer Welt des Überflusses ist Verknappung kein Zufall, sondern Ergebnis staatlicher Strategien. Der Vortrag fokussiert auf Prozesse staatlicher Umverteilung und zeigt, wie intentionale Verknappung auf zweierlei Art wirkt: zum einen als Verknappung von Mitteln, zum anderen als Bündelung von Energien und laufende Ablenkung von Aufmerksamkeit. So wird sichtbar, wie marginalisierte Bevölkerungen, soziale Bewegungen und queer-feministische Netzwerke zunehmend von Umverteilung ausgeschlossen werden — und gleichzeitig durch laufend notwendige Mehrarbeit Kräfte geraubt bekommen.
Um einen solchen Ansatz zu formulieren, der Fragen ökonomischer und politischer Anthropologie zusammenbringt, diskutiert der Vortrag drei Befunde aus der Literatur: Arbeiten zu Neoliberalisierung und „Audit Society” zeigen, wie Anträge, Reporting und Rechtfertigungsordnungen Umverteilung von einer bedürfnisorientierten zu einer rechtfertigungsorientierten Praxis verschieben. Die Literatur zu „Deservingness” verdeutlicht, dass diese Prozesse nicht nur mehr Prüfungen und Audits produzieren, sondern auch moralische Zuschreibungen darüber verstärken, wer welche Ressourcen „verdient”. Perspektiven aus der Anthropology of Labour schließlich fassen die zusätzliche Arbeit, die für jene entsteht, die zunehmend aus sozialstaatlicher Umverteilung ausgeschlossen werden.
Der Vortrag plädiert für eine kritische Anthropologie der Verknappung, die Verteilungsungerechtigkeit und die Politisierung von Arbeit ins Zentrum rückt.
Andreas Streinzer ist Assistenzprofessor am Institut für Kultur- und Solzialanthropologie an der Universität Wien. Er forscht zu kritischen Zugängen zu Sozialer Reproduktion, insbesondere der Geschichte und Gegenwart queer-marxistischer Modalitäten von Kritik. Er verbindet ein Interesse an Formen von Arbeit, Konsum, Care und Solidarität mit Fragen Sozialer Organisation und Ungleichheit.